"Irre" by Rainald Goetz
Buchrezension von Amazon:
Niemand beschreibt das „Unbehagen in der Kultur” treffender als Rainald Goetz: In den ersten zwei Teilen des Buchs wechseln schmerzhafte autobiographische (?) Berichte von der Arbeit als Arzt in der Psychiatrie (Patientengespräche, Diskussionen mit Kollegen, Selbstreflexion) mit noch viel peinvolleren Beschreibungen vom Innen”leben” der Patienten. Ohne den Betrieb der totalen Institution Psychiatrie platt anzugreifen, ist dieses Buch eine lautstarke Kritik an der Behandlung, die „anders denkende” Menschen erleiden müssen und an einer Gesellschaft, die – um nicht selbst verrückt zu werden -eben jene „anderen” einsperren muss.
Wo Leute wie Foucault mehrere hundert Seiten brauchen, um wissenschaftlich distanziert Entwicklungen in der Geschichte der Medizin nachzuzeichnen und historisch zu begründen, wirkt Goetz’ Buch durch seine Distanzlosigkeit wie ein Schlag in die Magengrube und macht betroffen.
Auf einer anderen, persönlichen Ebene, wird der Leser in einen Strudel schon vergessen geglaubter Fragen aus der Adoleszenz gezogen:
Wo ist mein Platz in der Gesellschaft? Ist das, was ich mache, richtig? Versteht mich hier überhaupt jemand? Werde ich jemals eine Gewissheit haben? Interessiert sich jemand für meine Nöte?
Nur wenn man sich an diese quälenden Fragen erinnert, kann man Goetz diesen dritten Teil nachsehen: Pubertär oder schon die Grenze zum Irrsinn überschritten?
Dem geneigten Leser bleibt die Wertung überlassen.
