Raum 4070 (2006)




Tarnation


Raum 4070

Potsdam, 2006
Regie: Torsten Striegnitz, Jana Kalms


Wir sind in einem Raum, in dem sich Menschen Erlebnisse erzählen, die man sich eigentlich nicht erzählt. Es geht um Wahn-Sinn und Ver-rücktheit, es geht um die Existenz, es geht um höllische Verzweiflung und den Garten Eden, es geht um Angst und um die Zerstörung von Beziehungen. In Raum 4070 findet das Potsdamer Psychoseseminar statt.

Es ist ein Tabu darüber zu reden. Aus Angst. Aus Scham. Aus Schuldgefühlen. Im “Raum 4070” wird darüber gesprochen. Psychoseerfahrenen, Angehörigen und Professionellen gehört gleichberechtigt das Wort, sacht moderiert von Prof. Dr. Peter Stolz.

Jede Psychose ist anders und erzählt eine eigene Geschichte: Eine Mutter leidet darunter, dass ihre Tochter den Kontakt abbricht. Ein Vater findet den Mut vom Freitod seines Sohnes zu erzählen. Ein junger Mann will nicht mehr aus seiner Psychose zurück, weil er unsere Welt für eine Scheinwelt hält. In dem Raum wird aber auch gelacht, in der Pause wird über Alltägliches geredet, es werden Freundschaften geschlossen.

Kameras und Mikrophone in einem Psychoseseminar – das ist bisher einmalig. Die Teilnehmer/innen standen von Anfang an hinter den Filmarbeiten, weil sie vom Ziel der Regisseure überzeugt sind: In der Öffentlichkeit muss über Psychose geredet werden. Wer nicht gefilmt werden wollte, konnte sich hinter eine der beiden Kameras setzen. Im Verlauf der Dreharbeiten machten aber immer weniger davon Gebrauch.

Die Dreharbeiten dauerten anderthalb Jahre. Aus 16 Abenden Psychoseseminar entstanden 60 Stunden Rohmaterial. Die Montage gibt dem Zuschauer die Chance, sich mitten ins Seminar zu begeben. Der Film zeigt, wie nah wir alle den Menschen in diesem Raum sind. Der Zuschauer beginnt als Beobachter und endet bei sich selbst.

Psychoseseminare loten Spielräume aus für widersprüchliche Wahrheiten und erzeugen Feingefühl für die inneren Wirklichkeiten der Seminarteilnehmer. Psychoseerfahrene Menschen, Familien und Fachleute werden mit sich selbst, ihrer Hilflosigkeit und ihren Stärken konfrontiert, psychiatrische Fachleute insbesondere mit der Güte ihrer Hilfeleistungen. Angehörige und Fachpersonal kennen Psychosen nur aus der Fremdperspektive und können sich hier mit der Selbstperspektive psychoseerfahrener Menschen auseinandersetzen. Psychoseseminare bieten keine Wissenschaft, sind auch keine Form von Psychotherapie, vermitteln aber Wissen und Erfahrung.

Im „Raum 4070“ ereignet sich eine Annäherung an ein Erleben, das mit „psychotisch“ bezeichnet wird. „Psychosen verstehen“ hingegen skizziert Psychoseseminare als „Lernorte“ für psychoseerkrankte Menschen, Angehörige, Familien, Studierende und psychiatrische Fachkräfte. Sie können lernen, dass der vorherrschende Reduktionismus auf Krankheit eine Vereinfachung darstellt, der die Suche nach dem Sinn verstellt. Trotz aller Fortschritte der Neurowissenschaften und der Erfolge psychopharmakologischer Behandlung ist das Kranksein wie das Erleben von Wahngedanken, Verfolgungsängste, Stimmen, sozialem Rückzug und Beziehungsabbruch nicht unter der Schädeldecke von „Psychotikern“ zu finden. Psychoseerfahrene Menschen und Angehörige sind lebenskluge Experten, eben weil sie, von Psychosen überwältigt, lange gebraucht haben, sich mit deren Folgen vertrauter zu machen.

Der Text ist übernommen von der Homepage des Psychiatrie-Verlags



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